• sylhaeusler

In dieser Zeit

"sich einsam fühlen", "nackt", "verletzlich"_Beitrag erstmals veröffentlicht am 3. Dez. 2014, hier

(c) by Andrea Leindl, Neusiedler See, 2012


Mir war und ist oft alles zu viel gewesen und noch. Und nun bin ich nackt geworden, diese Weihnachten. Ein Kahlschlag hat stattgefunden aus dem sich, wie trotzige Leuchttürme, immer öfter Tannenbäume erheben werden, rund um mich.

Sie werden bunte Kugeln tragen oder Kerzen, blinken oder flackern... und ich werde meine Eltern verloren haben, mein Zuhause und auf Kur sein.

Dort werde ich einen Schlüssel ausgehändigt bekommen und in ein mir neues Zimmer Einzug halten, einen Koffer mit alten Sachen hinter mir herziehend, die mir als Erinnerungshilfe und Identitätsstifter dienen werden – von sauberen Unterhosen über kleine Polster, die ich schon mit mir herumtrage, seit ich Kind war.

Das Zimmer wird schon viele GästInnen beherbergt haben, die genau wie ich, ihre zuerst-Fremdheit und ihr Umhersuchen allmählich abgelegt haben werden. Die hier am Klo gesessen sind und sich die Fliesen angeschaut haben und geschnuppert haben, welchen Geruch das Zimmer angenommen hat und nun wiedergibt. Trotz unzähliger Putzaktionen und Wischprozeduren, Spurenbeseitigungsversuchen, wie üblich, werden ihre Körper doch die Matratze eingedrückt und das Sofa gewetzt oder bedruckleibt haben. 

Wir alle sind Verschleissverantwortliche und unser Dasein bleibt mikroskopisch klein vorhanden – auch in der Luft, die um die Erde weht.

Die Zimmernummer wird mir bedeutungsvoll erscheinen, wie jedes Mal bei all den nummerierten Zimmern meines bisherigen Lebens.

Und wenn Weihnachten kommt, werden ein paar der versprengten Bademantel-Menschen in diesem Gast-Haus, wie ich, eine wieder-überraschende Nähe zu einander miterleben: 

Weil wir nackt sind und uns gegenseitig Freude bereiten, nur durch unser Da-Sein.

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Wöchentlicher psychologischer Check-In
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